Leseprobe
„Deine Idee ist toll!“
Wenn KIs halluzinieren, wenn sie Fakten erfinden, um ihre Behauptungen zu stützen, oder gar nicht existierende Quellen vorlegen oder die Inhalte solcher Quellen falsch interpretieren, sind das „harte“ Fehler. Solche Fehler lassen sich durch einen Fakten-Check entdecken und beseitigen. Die Aussagen sind definitiv falsch. KIs machen aber auch „weiche Fehler“. Und die sind manchmal noch etwas problematischer.
Ein weicher Fehler ist es zum Beispiel, wenn KIs uns „nach dem Munde reden“. Und das tun sie nicht selten. Alle modernen KI-Chatbots neigen dazu, sich wie Schmeichler zu verhalten. Menschen, die das tun, nennt man gelegentlich auch Sykophanten (im Englischen sycophant; und das Verhaltensmuster sycophancy). Das sind auch die Ausdrücke, die man im Zusammenhang mit KI meist nutzt. Völlig unabhängig vom verwendeten Begriff … es läuft immer darauf hinaus, dass KIs uns das sagen, was wir hören wollen. Das mag harmlos erscheinen, ist es aber nicht.
Dieses Nach-dem-Munde-reden passiert dann sehr schnell, wenn wir einem KI-Chatbot nicht einfach Wissensfragen stellen („Wie hoch ist der Eiffelturm“), sondern uns Ratschläge holen, nach Meinungen und Bewertungen fragen.
Chatbots verhalten sich dann oft wie neue, noch ein wenig unsichere Mitarbeiter gegenüber Vorgesetzten und seniorigen Kolleg:innen: schnell werden deren Äußerungen bestätigt und gelobt. Widerspruch wird erst einmal vermieden. Es wird viel anerkennend genickt und Kritik, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig und mild formuliert.
Das ist sehr menschlich. Die meisten Menschen finden andere Menschen, die ihnen Recht geben, nämlich sympathisch. Das ist etwas, das wir Menschen in Kindheit und Jugend lernen und dann anwenden.
In einer beruflichen Rolle machen wir unsere Arbeit so aber nicht unbedingt gut, wenn wir Vorgesetzten nach dem Munde reden. Im Gegenteil: für ein Projekt oder ein Unternehmen kann es sehr wichtig sein, Denkfehler zu identifizieren, bessere Ideen zu entwickeln — unabhängig davon, wer diese Ideen entwickelt oder wer die Denkfehler gemacht hat.
Was KIs (und Menschen) zum Schmeicheln bringt
Die Voraussetzung dafür, dass jemand den Versuch machen kann, uns zu schmeicheln, ist zunächst einmal, festzustellen was wir hören wollen. Wenn ich einer Kollegin einen Artikel aus einer Fachzeitschrift zeige und frage, was sie davon hält, gibt es erst einmal keinen Grund, Kritik zurückzuhalten. Wenn ich derselben Kollegin einen Text schicke, den ich geschrieben habe — und ihr auch sage, dass der von mir ist — ist das hingegen schon eine Gelegenheit, sich bei mir einzuschmeicheln.
Bei der direkten Kommunikation zwischen Menschen kann es selbstverständlich zu non-verbalen Signalen (Mimik, Gestik, Tonfall …) kommen, anhand derer die Kollegin vermuten kann, ob ich persönlich dem Fachartikel zustimme. Aber bei der Kommunikation mit einem Chatbot ist das (im Moment noch) schwierig.
Meist ist es aber gar nicht nötig, auf versteckte Signale zu achten. Die meisten von uns verwenden im Gespräch — oder in einem Prompt — explizite Signale: wenn ich sage „Ich meine/ denke/ würde sagen …“ oder ähnlich, dann gebe ich der Aussage, die dann folgt, das „Gütesiegel meiner Zustimmung“. Damit schütze ich diese Aussage vor Kritik durch Personen, die mir schmeicheln wollen.
Hier ein paar typische Formulierungen, die jemandem klar sagen, was ich hören möchte — gruppiert nach rhetorischen Mustern.
Klare Festlegung der eigenen Ansicht:
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„Ich denke / ich würde sagen …“
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„Für mich ist klar, dass …“
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„Eigentlich ist das doch eindeutig …“
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„Das ist ja offensichtlich …“
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„Für mich ist überhaupt nicht offensichtlich, dass ….“
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„Man muss doch zugeben, dass …“
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„Alle sagen doch, dass …“
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„Es spricht doch alles dafür, dass …“
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„Eigentlich spricht doch nichts dafür, dass …“
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„Ich sehe ehrlich gesagt nicht, was daran überzeugend sein soll, dass ….“
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„Es kann doch nicht sein, dass …“
Explizite Einforderung von Zustimmung.
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„Findest du nicht auch, dass …?“
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„Siehst du das genauso wie ich?“
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„Kannst du das bestätigen?“
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„Was sind gute Argumente für diese Sicht?“ (ohne symmetrische Gegenfrage)
Signal, dass Widerspruch peinlich/bedrohlich wäre:
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„Ich habe da schon ziemlich viel Arbeit/Hirnschmalz reingesteckt.“
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„Das ist so an den Kunden rausgegangen.“
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„Oder klingt das dumm?“
Direkte Aufforderung zur Unterstützung:
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„Das wäre super hilfreich, wenn du sagst, dass …“
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„Ich brauche jetzt eine klare Bestätigung.“
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„Es wäre schwierig, wenn sich da noch wesentliche Kritik ergeben würde.“
Eine Aussage an die eigene Identität binden:
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„Als jemand, der evidenzbasiert denkt, …“
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„Mir ist Fairness wichtig, deshalb …“
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„Das ist doch eine längst überholte Annahme.“
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„Bevor ich mich mit dem Thema tiefer beschäftigt habe, dachte ich …“
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„Ich betrachte immer beide Seiten, und dann …“
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„Ich bin da sehr wissenschaftlich …“
Klarheit nicht Genauigkeit einfordern.
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„Sag mir einfach, ob das stimmt.“
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„Bitte kurz und eindeutig.“
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„Entscheide dich.“
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„Ich brauche eine klare Richtung.“
Solche Redewendungen kann fast niemand vermeiden. Sie sollten sich nur klar machen, dass sie damit Zustimmung einfordern und Kritik verhindern. Wie wirksam das ist, hängt davon ab, welche Beziehung der/die Gesprächspartner:in zu Ihnen hat.
Und selbstverständlich kann es sein, dass Sie tatsächlich Widerspruch verhindern und Lob einfordern wollen. Dann ist das OK. Oft geschieht es aber unbewusst.